Mosel: Riesling-Raritäten-Verkostung von 2011 bis 1904


Wie schmecken über 100 Jahre Moselriesling?

Die Gelegenheit dies herauszufinden hatte ich vergangenes Wochenende in Ürzig.

budisfoodblog_mosel_uerzig_raritaetenverkostung_2013

Im Rahmen einer alljährlich stattfindenden Jahrgangspräsentation (Link zum Artikel ) der beiden Winzer Christian Hermann (Weingut Dr. Hermann) und Stefan Erbes (Weingut Karl Erbes), luden die beiden Moselaner zur Raritätenverkostung ein. Thema war überwiegend die Lage „Ürziger Würzgarten“. Zur Verkostung wurden jedoch auch viele weitere Spitzenlagen von Mosel und Saar angestellt. Vertreten waren Rieslinge aus den Jahren 1904 bis 2011, darunter befanden sich auch einige Klassiker aus den Spitzenjahren 1959, 1975, 1976 und 1990. Die Bandbreite reichte vom Naturwein über Kabinett, bis hin zur Trockenbeerenauslese. Somit konnte man sich einen nahezu einmaligen Überblick über die Stärken des Rieslings und der Mosel im Speziellen verschaffen.

Anbei meine Eindrücke zu den präsentierten Weinen. Die Punkte sind jedoch nicht all zu genau zu nehmen. Anfangs musste man sich eichen, dann sind da auch Weine, die verdienen es sich jeder Bewertung zu entziehen. Im Zentrum steht jedoch immer die Frage ob der Wein noch Trinkfreude bereitet und in seiner Klasse Größe zeigt.

1.
2001er Erdener Treppchen Riesling Spätlese (Herzlay)

Weingut Erben Hubert Schmitges, Erden

Schöner Einstieg in die Verkostung. In der Nase Anis, reife Aprikose, am Gaumen fast trocken, leicht und insgesamt sehr frisch geblieben. Animierend herbe Note. 89P

2.

1996er Ürziger Würzgarten Riesling Spätlese

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Goldgeld-silbrig, mit karamellig-reifer Nase. Sensorisch trocken, mit minimal pilziger Note. Schon etwas leblos. 84-85P 

3.

1969er Erdener Treppchen Riesling naturrein

Weingut Jos. Christoffel jr., Ürzig

Quasi ein Kabinett. Goldgelb mit grünlichen Reflexen und dadurch fast neongelb reflektierend. Starker Duft nach Dill und Gurke, herb, gar voll trocken. Für einen Kabinett sehr spannend. Lediglich der leicht metallische Eindruck wertet das Gesamtbild ab. 88P+

4.

1921er Riesling Spätlese

Weingut Melsheimer, Traben-Trabach

Vermutlich aus dem Trabener Schlossberg. Orange-gold, etwas trüb. In der Nase Karamell aber auch Wurzelgemüse, präziser vor allem Topinambur. Sehr herb, Lakritz, Schwarzbrot und Kaffee. Die lebendige Säure hält den Wein noch fit, jedoch hat sich die Struktur und Aromatik herum abgebaut. (86P)

5.

1904er Trabacher Schloßberg Riesling Auslese

Weingut Julius Kaiser, Traben-Trabach

Aus einem Botrytis-Jahrgang mit früher Lese und zufriedenstellender Menge. Stammt aus einer damals großen Kellerei (Kreszenz Böcking). Braun-orange, trüb, oxidative Nase, viel Schwarzbrot, Walnuss, Lakritz und insgesamt bukettreiche Nase bei ähnlicher Aromatik. Trotzdem eher mild. Zeigt keinen typischen Auslese-Charakter mehr. Dafür trotzdem spannend, wie trinkbar der Wein noch ist. Hat auch mehr Kraft als der 1921er. (90-91P)

6.

1955er Wehlener Sonnenuhr Riesling Auslese

Weingut Mayer-Hauth

Hell-gelbgold, pure Haselnuss in der Nase, dazu weiße Blüten. Sehr frisch, lebendig und würzig. Klare Aromatik von gelber Frucht. Leicht, gar schwebend. 91-92P

7.
1959er Ürziger Würzgarten Riesling feinste Auslese

Weingut Jos. Christoffel jr., Ürzig

Farblich leicht ins orangene übergehend, dabei klar und mit goldenem Glanz. Die nase sehr komplex, Aprikosensirup, fett. Am Gaumen herb, dabei vollkommen ausgewogen, wenn manche auch eine leicht scharfe Note notieren. Sehr lang mit ordentlich Nachdruck, reifer Aromatik. Sehr komplex. Für mich unter den fünf interessantesten Weinen des Abends. 95-96P

8.

1969er Wehlener Sonnenuhr Riesling Auslese

Weingut Jos. Christoffel jr., Ürzig

Hellgolden, viel Dill, etwas Anis, Fenchel und Sellerie. Lang und frisch geblieben. Auch am Gaumen Dill und kräutrig-saftige Aromatik. Sehr schön. 91-92P

9.

1985er Erdener Treppchen Riesling Auslese GK

Weingut Mönchhof, Ürzig

Hellgolden, in der Nase deutlich laktische Noten. Auch am Gaumen weich und cremig. 88P

10.

1985er Ürziger Würzgarten Riesling Auslese GK -Versteigerungswein-

Weingut Mönchhof, Ürzig

Kork

11.

1990er Serriger Schloss Saarfelser Schlossberg Riesling Auslese #13

Weingut Vereinigte Hospitien, Trier

66g Zucker pro Liter bei 7,5 Vol. %. Vollgelb, etwas buttrig, in der Nase jedoch eher verschlossen. Ausgewogen, kernig und lang. 90P

12.

1976er Serriger Schloss Saarfelser Schlossberg Riesling Auslese GK #34

Weingut Vereinigte Hospitien, Trier

105 Oe. Orange, klar, ebenfalls buttrig mit etwas Vanillepulver, herb, etwas scharf bei dunkler Botrytis im Abgang. Der gestaltet sich jedoch sehr lang. 90P

13.

1975er Neumagener Rosengärtchen Riesling Auslese

Weingut Sanitätsrat Dr. Ronde, Neumagen

Orange, jedoch klar. In der Nase etwas Radieschen, Kaffee, Kresse. Am Gaumen schokoladige Botrytis, fast trocken. 90P

14.
1989er Scharzhofberger Riesling Auslese

Weingut Egon Müller, Wiltingen

Hellgelb und klar im Glas. Fantastische Nase, sehr frisch und knackig, am  Gaumen -daher vermutlich früh gelesen. Quasi als trockener Wein zu werten. Sehr klar, leicht und von feiner Aromatik. Eine mineralisch-puristische Auslese mit vielen Kräuter hinten raus. Wirkt sehr jugendlich, fast introvertiert und zeigt eine große Leistung für den Botrytis-Jahrgang. 96P

15.

1983er Wiltinger Hölle Riesling Eiswein -Versteigerungswein-

Weingut Vereinigte Hospitien, Trier

1989 versteigert. 155 Oe bei circa 16g Säure. Hochfarben orange, feine Nase nach Ahornsirup und etwas Christstollen. Viel Substanz und eine erfrischende, langanhaltende Säure. Ein absoluter Wachmacher und zitronig-frischer Eiswein. Gehört zu den Highlights der Verkostung. 96P

16.

1969er Leiwener Klosterberg Riesling Trockenbeerenauslese

Weingut Jos. Bender, Leiwen

Der Wein kam nie in den Handel und fungierte quasi als Freundschaftsabgabe des Weinguts. Etwas dunkler als der vorherige Eiswein. Riecht nach Honigbonbons und Amalfizitrone mit Minztee. 95-96P

17.

1976er Wehlener Sonnenuhr Riesling Trockenbeerenauslese

Weingut Jos. Christoffel jr., Ürzig

Orange-dunkel, klar. Leicht, intensive Aromatik, nicht sirupig, auch dank der guten Säure, lang mit Aromatik reifer Früchte. Ein sehr feines Erlebnis! 96P

18.

1974er Ürziger Würzgarten Riesling Kabinett

Weingut Dr. Hermann, Ürzig

Blind serviert. Mit 74 Oe gelesen und damit ein „kleiner Kabinett“. Wirkt noch sehr lebendig aber eben etwas dünn. 87P

19.

1970er Ürziger Würzgarten Riesling feine Spätlese

Weingut Jos. Christoffel jr., Ürzig

Blind serviert. Stinkig-schleimige Nase, dafür am Gaumen angenehm. Krasse Säure, dezente Süße. Wirkt noch jugendlich. Insgesamt solide. 89P

20.

1973er Ürziger Würzgarten Riesling Auslese

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Blind serviert. Dunkelorange, Duft nach Apfelsaft, aromatisch, etwas dick. 89P

Einschub

1949er Wehlener Sonnenuhr Riesling feinste Auslese

Weingut S.A. Prüm

Geburtstagswein für Christians Vater, der 1949 geboren ist. Leider von einem Korkschmecker überdeckt. 

21.
1975er Ürziger Würzgarten Riesling Spätlese

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Mittelgold, kräutrig, trockener. Von mittlerer Komplexität. 88P

22.

1976er Ürziger Würzgarten Riesling Spätlese

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Kork

23.
1985er Ürziger Goldwingert Riesling Auslese

Weingut Peter Nicolay, Ürzig

Tiefgold, viele Kräuter, ausgewogen und eher leicht. Etwas austrocknend aber immer noch sehr animierend. 91P

24.

1975er Erdener Treppchen Riesling Auslese

Weingut Dr. Hermann-Christoffel, Ürzig

Laut Ansage 86 Oe bei circa 59 g/l Zucker (?). Insgesamt in Ordnung. Etwas sirupig, wirkt schlank aber auch eher dünn. 88P

25.

1964er Erdener Treppchen Riesling Auslese

Weingut Bischöfliches Priesterseminar, Trier

Hellfarbig, klar. Buttrige Nase, nussig-karamellig. Ungeschliffen und herb. Hinten raus etwas kurz. Dabei schlank und klar. 88P

26.

1966er Erdener Prälat Riesling feinste Auslese

Weingut Dr. Loosen, Bernkastel-Kues

Goldgelb, klar. Aprikosig, rauchig, in der Nase jedoch etwas verschlossen. Am Gaumen wie aus einem Guss, ganz leichte aber nicht störende Schärfe. Sehr lang im Ausklang, minimal austrocknend. 91P

27.

1997er Wehlener Sonnenuhr Riesling Auslese

Weingut Joh. Jos. Prüm, Wehlen

AP-Nr. 09/00. Hellfarben, typische Prüm-Nase. Viel Birne, wirkt saftig, leicht und frisch. Im Vergleich zur 97er Graacher Himmelreich Auslese (aus dem Gedächtnis) etwas eleganter aber in gleichem Entwicklungsstadium. Animierend und unkompliziert. Typisch markanter Prüm Wein. 92+P

28.

1996er Erdener Prälat Riesling Auslese GK

Weingut Dr. Loosen, Bernkastel-Kues

Hellfarben, golden. Tolle Nase, etwas Radieschen, karamellig, dabei feinwürzig, klar und leicht mit herber Aromatik. 92P

29.
2001er Ürziger Würzgarten Riesling Auslese*** GK

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Eher rustikal in seiner Stilistik. Wirkt momentan eher plump. Schwierig zu bewerten. 87P

30.

1993er Ürziger Würzgarten Riesling Beerenauslese

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Goldgelb, klar. Positiv medizinal, nicht auftragend dick, leicht salzig, sauber und sehr lang. Für mich mit dem kommenden Eiswein der beste Erbes des Abends. 91P+

31.

1998er Ürziger Würzgarten Riesling Eiswein

Weingut Karl Erbes, Ürzig

8 Vol. %. Goldgelb, klar. Riecht nach Gurkenwasser, klare Aromatik, krasse Säure zu Beginn, dann wiederkehrend im  Abgang. Eher schlank. Typischer Vertreter. Sehr gelungen! 93P

32.

2008er Erdener Treppchen Riesling Eiswein

Weingut Dr. Hermann, Ürzig

150 Oe bei 200g Zucker. Hell, klar. Nase nach Äpfeln, sehr klar und frisch. Tolle Säure! 92P

33.

2010er Ürziger Würzgarten Riesling Trockenbeerenauslese GK

Weingut Dr. Hermann, Ürzig

Unglaubliche 240 Oe bei 7 % Vol. und 430g Zucker! Hell und klar. Dabei bereits im Glas deutlich zuckrige Schlieren. Wirkt dickflüssig. Am Gaumen ultra süß, pure Konzentration, trotzdem krasse Säure, die nötig ist. Ungemeines Reifepotential. Insgesamt aber laut Vater eher eine „Demonstration“.

34.

2011er Erdener Treppchen Riesling Trockenbeerenauslese

Weingut Karl Erbes, Ürzig

Das Pendant von Stefan Erbes. 267 Oe bei 5,5 Vol. % und 471g Zucker. Ebenfalls ungemein konzentriert, dickflüssig und am Limit des fühlbaren Süßemaximums.

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~ von budisfoodblog - Januar 17, 2014.

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