Rheinhessen: Carl Koch und die Kollektion 2012


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Vor einigen Monaten hat mir Heiner Maleton dieses Weinpaket zukommen lassen. Die Weine waren damals frisch gefüllt und alle aus der experimentierfreudigen Ecke. Allein Namen wie „Gümo“ oder „GTX 525i“ liest man nicht jeden Tag auf Weinetiketten, also haben mich die Weine schon mal grundsätzlich neugierig gemacht.

Einige Wochen zuvor ergab sich zudem der Zufall, dass ich aus selbigem Weingut den „Weg & Wiese“ Riesling aus 2012 getrunken habe, der mir mit seiner limonig-spritzigen Art sehr zugesagt hat und pure Trinkfreude vermittelt. Also habe ich mir den Jahrgang 2012 beim Weingut Carl Koch gerne näher angeschaut.

Das Oppenheimer Weingut Bürgermeister Carl Koch ist ein 12 Hektar großes Weingut mit Führung in siebter Generation. Es ist westlich vom Rhein, zwischen Mainz und Worms gelegen. Oppenheim selbst zählt als traditioneller Weinbauort. In den letzten Jahren stand man sicherlich im Schatten von Nierstein und Flörsheim-Dalsheim, doch mit den unterschiedlichen Bodenformationen und der unmittelbaren Flussnähe ist der Weinbau hier nicht minder spannend.

Im Weingut Bürgermeister Carl Koch besitzt man vorwiegend Rieslingreben. Darauf folgen Silvaner und Müller-Thurgau, Burgundersorten und Bukettrebsorten wie die Scheurebe und Gewürztraminer. Wesentlich markanter als die bisherige Webseite ist das Gutsgebäude. Der ehemalige Adelshof ist vielen auch dank des puristisch-modernen Anbaus bekannt, der in starkem Kontrast zum Altbau stehende, mit rostigen Stahlplatten versehene Kubus.

Das Weingut hat Reben in Oppenheim und Dienheim. Die Lagen lauten hier: Sackträger, Kreuz, Herrenberg und Tafelstein.

Seit 2010 Heiner Maleton die Rolle als Außenbetriebsleiter und Kellermeister übernommen hat, hört man nicht nur vermehrt vom Weingut, auch die Qualitäten sollen deutlich gestiegen sein. Lustig: Es bedurfte also eines Pfälzers zur Neuerung…

2012, Riesling Sackträger R

Der Riesling Sackträger macht den Einstieg in die Verkostung. Er stammt aus der Oppenheimer Lage „Sackträger„, die auf Löss mit darunter liegendem Gehängelehm und Kalk besteht. Der Riesling wurde im Stahltank vergoren und für neun Monate auf der Feinhefe im Doppelstückfass ausgebaut.

Der Riesling R strahlt goldgelb im Glas. In der Nase zeigt sich eine reife Frucht in Form von Pfirsich und Apfelschale. Dazu kommt noch ein leicht laktischer Hauch, der an Panna Cotta erinnert.

Am Gaumen zeigt sich der Sackträger stoffig und geradlinig. Der eher kräftige Riesling wirkt trotz 7,3 g/L Restzucker sensorisch fast trocken. Am Gaumen kommt eine bitter-herbe Grapefruitnote zum Vorschein, die den Speichelfluss anregt und gemütlich am Glas nippen lässt. Der Riesling wirkt in Verbindung mit der Säure und Textur am Gaumen fast schneidend, gar kalkig, was ich sehr schätze. Für mich gehört der Sackträger „R“ zum wertigsten Wein der Kollektion, wenngleich am Tisch für  den Großteil der Verkoster der folgende Wein komplexer war und als einen Ticken anziehender empfunden wurde.

 

2012, Riesling Erster Sack 

Der „Erste Sack“ steht für die Selektion der besten Parzelle aus dem Sackträger. Zudem wurde der Riesling später gelesen (1. November) und im 600 Liter-Fass ausgebaut.

Dieser Riesling zeigt bereits in der Farbe eine größere Konzentration. Der Gelbton fällt etwas dunkler aus, geht mehr in ein vollgelbes Gold. In der Nase erinnert der Wein etwas an Rieslinge mit ausgeprägter Schiefernote. Dann kommt eine verspielte Exotik zur Geltung. Reife Mirabelle und exotische Früchte stechen hier heraus. Dazu kommen weiße Blüten.

Am Gaumen hat man hier mehr Steinobst als im Sackträger R. Der Riesling wirkt reifer, kräftiger und auch druckvoller. Die Säure steht dem gut entgegen. Der Abgang gestaltet sich mittellang. Insgesamt ist der Wein aber momentan etwas verschlossen, wohl aber auch für den längerfristigen Konsum gemacht.

 

Gümo Landwein

„Gümo“ steht hier für die Parzelle „Güldenmorgen“ aus dem Oppenheimer Kreuz. Der Riesling verbrachte ein Jahr auf der Vollhefe und wurde im 1800 Liter-Fass (Zweitbelegung) ausgebaut und nicht filtriert auf die Flasche gebracht. Zudem wurde der Wein nur gering geschwefelt.

Der Gümo leuchtet vollgelb im Glas. Die Gär- und Hefearomatik steht frisch aus der Flasche eingeschenkt im Vordergrund. Der Gümo duftet nussig, riecht etwas nach Amaretto, Sesam und selbst ein wenig Gurke findet sich hier anfangs. Ein bisschen muss ich auch an Vin Jaune aus dem Jura denken.

Am Gaumen zieht sich die wilde Aromatik weiter. Pastinake, Mandeln, Haselnüsse und Pomelo notiere ich mir. Der Wein wirkt extrem erdig und hat im Abgang eine gerbstoffbetonte Sensorik, die an Birnenschale erinnert. Erst am zweiten Tag nach der Verkostung weichen die nussig-vegetabilen Noten. Der Wein riecht und schmeckt nun mehr nach reifen Aprikosen, etwas Mandarine und Orangenschale. Die Säure ist knackig und lässt den Wein so noch erfrischend dastehen. Damit ist der Wein am Tisch sicherlich der am stärksten kontrovers diskutierte Wein des Abends. Er ist deutlich von seiner Machart geprägt, die nicht uninteressant ist. Ich frage mich lediglich warum man den Wein unbedingt aus der Parzelle Güldenmorgen vinifiziert und so deklariert, denn wenn es einen Lagencharakter geben soll, wird dieser hier sicherlich in den Hintergrund gedrückt.

2012, Goldberg Variationen BWW 988

Der Bezeichnung zu Folge erwarten uns hier also Johann Sebastian Bachs verpielt-ruhige Goldbergvariationen im Glas. Verspielt und ruhig wirken diese nur auf den Zuhörer, denn sie gelten allgemein als anspruchsvolle und fordernde Klavierkomposition. Heiner Maleton beschreibt diese Cuvée aus 60% Chardonnay und 40% Weißburgunder als den „besten Burgunder“ des Hauses. Da darf man gespannt sein! Der Wein wurde für elf Monate im 600 Liter-Fass ausgebaut.

Der Burgunder hat ein sattes gelb und riecht in der Nase etwas süßlich nach gebuttertem Maiskolben. Ein Burgunder, der gelungen ist und als „Everybody’s Darling“ umschrieben werden kann, für mich persönlich aber zu süßlich ausfällt (5,9 g/L) und damit nicht den kompromisslosen Stil wiedergibt, wie etwa der Sackträger R oder der fordernde aber eigenständige Gümo. Unterm Stricht eine sehr ordentliche Burgunder-Cuvée.

 

 GTX 525i

Die zugegebenermaßen provozierend-humorvolle Bezeichnung erinnert an Mopeds oder Mountainbikes, steht aber für die Rebsorte Gewürztraminer und den Ausbau in 525-Liter-Inox-Stahltanks. Maleton hat die kerngesunden Trauben mit dem auch im Beaujolais angewandten Verfahren der maceration semi-carbonique behandelt. Hier entsteht  eine teilweise intrazelluläre Gärung, die dem Wein Frische gibt. Der Wein wurde dann nur grob filtriert und mit wenig Schwefel gefüllt.

Der GTX Gewürztraminer ist zwiebelschalenfarben. In der Nase findet man doch für den Gewürztraminer typische Eindrücke, wie Litschi und Rosen sowie etwas Kräuter.

Am Gaumen zeigt sich die Phenolik anfangs nervös, trübt den Trinkfluss. Doch verbessert sich dieser Zustand mit zunehmendem Luftkontakt, der dem Wein allgemein nur gut tut. Auch am Gaumen findet sich eine würzige und herbe Aromatik, die auch damit zu tun hat, dass der Wein fast komplett durchgegoren ist (0,2g/L). Insgesamt wirkt der GTX gar nich so opulent wie ich es vermutet hätte. Die Frucht tritt hier am Gaumen eher in den Hintergrund, der Wein wirkt cremig, teilweise etwas seifig aber dies nur sehr dezent im Hintergeund. Eigenwillig und eigenständig. Ich kann mir den Wein ganz gut als Aperitif vorstellen.

budisfoodblog_carl_koch_rheinhessen_flaschen

Die von mir verkosteten Weine aus dem Hause Carl Koch zeigten eine interessante Bandbreite an Weinstilistiken. Vom eher mainstreamigen Burgundercuvée über den kalkig anmutenden Riesling, bis hin zu verrückten Gewürztraminer-Abfüllungen und von ihrer Machart geprägten, wilden Weißweinen hat sich hier alles versammelt. Das zeigt klar, dass Maleton zum Einen experimentierfreudig ist und die Grenzen des Weinguts ausloten will. Zum Anderen zeigt es auch, dass hier jemand veranschaulichen möchte, was möglich ist. In Verbindung mit der Investition in einen zukunftsträchtigen Keller, der Verbannung von Crossflow-Filtern und GFK-Tanks, lohnt es sich also weiterhin ein Auge auf Oppenheim zu haben. Denn was hier geschieht, geht in die richtige Richtung!

 

~ von budisfoodblog - April 4, 2014.

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