Schloss Eltz – Rheingauer Rieslinglegenden von 1917 bis 1976


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„Push it to the limit“.

Dieses Motto muss sich Rieslingfreak und Ungarnweinexperte Marc Herold auf die Fahnen geschrieben haben, als er diese einmalige Verkostung der Rheingauer Rieslinge ins Leben rief.

Ganze 17 Weine des heute nicht mehr existierenden Eltviller Weinguts Schloss Eltz wurden aufwändig gesammelt und zur in Saarbrücken veranstalteten Verkostung angestellt.

Das Ergebnis war eine einmalige Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Herausgekommen ist dabei eine Bestandsanalyse. Sie klärt Fragen wie „Worin liegt der legendäre Ruf des Weinguts? Wie präsentieren sich die Weine heute? oder „Ist der Kult berechtigt?“.

 

Zur Historie

Von hinten aufgerollt: Der letzte Jahrgang des Eltviller Betriebs war 1979. Damit gibt es seit 36 Jahren keine Weine mehr. Von Seite der Eigentümer besteht auch kein Bestreben mehr das Weingut  zu reaktivieren und den Ruf zu verteidigen. Dazu wurden die heute teilweise nicht mehr bekannten Lagen zu weit gestreut, befinden sich in anderen Händen oder werden nicht mehr bewirtschaftet, da Straßen und Siedlungen diese mittlerweile kreuzen.

Zwischen den 1930er und 1970er Jahren zählte Schloss Eltz zu den absoluten Spitzenbetrieben Deutschlands, mit damals und teilweise heute noch führenden Betrieben wie Langwerth von Simmern, Schloss Johannisberg, Weil, dem Karthäuserhof oder dem Wiltinger Scharzhof an der Saar. Man findet heute nur noch wenig Literatur, wenngleich das Renommee des Weinguts noch weit über die Grenzen des Rheingaus strahlt. Das liegt zum großen Teil auch daran, dass viele Auszubildende ihre Lehre in Eltville absolvierten und das exzellente Wissen weiter trugen. Heute bekannte Gesichter sind beispielsweise Hans-Josef Becker (J.B. Becker) oder Wilhelm Haag vom Weingut Fritz Haag.

In den letzten beiden Generationen waren zwei Kellermeister prägend für den Betrieb: Männle, der bis in die späten 1950er Jahre aktiv war und Neuser, der die 60er und 70er Jahre zu verantworten hatte und als Rheingauer Koryphäe betrachtet wird. Dabei stand die Qualität, auch in Zeiten wo man allgemein eher auf große Mengen setzte immer im Vordergrund.

 

Im Folgenden meine Verkostungsnotizen und Eindrücke:

 

1964er Eltviller Klümbchen Riesling Cabinet

  • Das Eltviller Klümbchen aus 1964  hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Abend einzuläuten. Der 50 Jahre alte Riesling absolvierte dabei eine ordentliche Leistung. Im Glas klar und goldgelb, offenbarte die Nase ein schönes Bukett von Vanillin, Fenchel, Dill und etwas Wassergurke. Am Gaumen zeigt sich der Cabinet sehr ruhig und ausgewogen. Der Riesling war klar in der Aromatik und bereits sensorisch trocken. Etwas mehr Säure hätte ihm zum letzten Ticken Lebendigkeit gut getan. Der Riesling fällt eher mild aus. Für einen ganz großen Wein fehlt ihm die Komplexität und der Nachhall am Gaumen. Doch auch die unaufdringliche Art weiß zu überzeugen. 92 Punkte

 

1975er Rauenthaler Baiken Kabinett

  • Im Duell stand dieser elf Jahre jüngere Kabinett. Überraschend dunkler fiel der Wein im Glas aus. Er war doch schon eher orange-goldgelb. Die Nase wusste hier ebenfalls zu überzeugen. Der Kabinett zeigt sich hier als noch aufmerksamerer Charmeur. Die Sensorik fällt im Vergleich wie folgt aus: Der Kabinett wirkt karamelliger und fülliger am Gaumen. Für einen Kabinett wirkt er schon fast ein wenig dick-süßlich. Damit könnte man hier blind auch eine Spätlese vermuten. 90 Punkte

 

1966er Eltviller Langenstück Riesling Spätlese

  • Die Spätlese zeigt sich in der Farbe ähnlich dunkel. Der kräftige Orangeton geht dabei ins bernsteinfarbene. Die Spätlese ist in der Viskosität etwas dickflüssiger als der obige Kabinett. In der Nase kommt das Eltviller Langenstück deutlich entwickelter daher. Das Bukett ist kräftig, man riecht etwas Tannenhonig und eine speckig-rauchige Note, die vermutlich von der Botrytis herrührt obwohl der Jahrgang nicht von Edelfäule geprägt ist. Am Gaumen ist die Spätlese dann doch schlanker als der Geruch es vermuten lässt. Die Spätlese ist nicht ausgetrocknet, jedoch in der Nase entwickelter als am Gaumen. Im Vergleich zum 1964er Cabinet wirkt die Spätlese etwas anstrengender. 91 Punkte

 

1975er Eltviller Sonnenberg Spätlese

  • Diese Spätlese wurde leider von einem Korkschmecker überlagert. In jedem Falle schmeckte der Wein etwas nach ausgezehrtem Korken. Andere am Tisch meinten, die Aromatik gehöre zum Wein. Die Spätlese ist bernsteinfarben und etwas dunkler als die 66er Spätlese. Am Gaumen wirkt sie etwas dicker, wird aber vom korkigen Geschmack belegt, sodass eine Wertung meinerseits entfällt.

 

1976er Rauenthaler Baiken Spätlese

  • In der Farbe wieder frischer, in Richtung dunkelgelbgold gehend, wirkt der Wein in der Nase regelrecht jung. Am Gaumen findet sich noch Süße, dazu kommt eine feine, herbe Note und eine attraktive Frische trotz der Fülle. Die Baiken Spätlese fällt sehr lang aus, ist ausgewogen und besitzt eine „traubige“ Aromatik. Eine überraschend frische Spätlese, die einer schon eher moderneren Stil einchlägt. 93 Punkte

 

1966er Eltviller Sonnenberg Riesling Auslese

  • Mit dem sechsten Wein steigt des Niveau allmählich. Hochfarbig im Glas, findet man hier ein braun-reifes Bukett. Etwas später entdecke ich dann eine saftige Litschifrucht. Am Gaumen hat die Auslese mehr Druck, mehr Kraft als die bisherigen Weine. Auch der Abgang fällt nachhaltig aus. Die Auslese besticht durch eine feine Ätherik. Man merkt hier eine deutliche Steigerung in der Komplexität. 93 Punkte

 

1966er Rauenthaler Gehren Riesling Auslese Cabinet

  • Dem stand der Cabinet Auslese aus dem Rauenthaler Gehren entgegen. Vorab: Für mich war das einer der Weine des Abends! Im Glas vollgold und klar, duftet dieser 1966er Riesling nach Schwarztee ohne muffig zu wirken. Am Gaumen findet sich dann überraschenderweise grüner Tee und mehr Frische als in der Nase. Die Auslese ist komplex und druckvoll. Eine Auslese voller Vitalität mit feinen Zitrusfrüchten. Zudem ein filigraner Wein. Große Klasse! 94 Punkte

 

1959 Rauenthaler Wieshell Blümchen Spätlese

  • Ein Riesling aus dem Jahrgang 1959 weckt natürlich vorab große Erwartungen. Die wurden hier leider nicht erfüllt. Schuld war aber vermutlich eher der niedrige Füllstand der Flasche. Die bernsteinfarbene Spätlese roch nach Bratensoße und Nussaufstrich. Am Gaumen bereits oxidiert und von Walnüssen dominiert, denkt man hier sofort an Madeira. Schade, die Flasche war klar drüber.

 

1953 Rauenthaler Gehrn Feine Auslese

  • Unbetrübt ging es gleich weiter. Nämlich mit dem Highlight des Abends. Die 1953er Rauenthaler Gehrn Auslese war zumindest nach Punkten im Durchschnitt der höchstbewertete Wein des Abends. Die Auslese war bereits mahagonifarben und roch zuerst in der Nase rosinig. Dann musste ich an uralte Tokajer denken. Neben Toffee kommt hier noch etwas Nelke dazu. Am Gaumen zeigt sich dann die rauchige Aromatik der Auslese. Ich finde da noch Rüben und etwas Jod neben der karamelligen Seite. Das ist keine Auslese im klassischen Sinne, sondern schon eher ein Riesling von Beereauslesecharakter. Ein absolut vielschichtiges Erlebnis. Kurzum: Ein großer Wein! 94+ Punkte

 

1917 Eltviller Langenstück Beerenauslese

  • Nach der großartigen feinen Auslese folgte der älteste Wein des Abends. Die 1917er Beerenauslese aus dem Eltviller Langenstück hatte fast ganze 100 Jahre auf dem Buckel. Damit hat sie mehr als zwei Generationen überdauert. Wie so oft bei Altweinverkostungen markierte sie nicht das sensorische Highlight des Abends dafür konnte man hier aber sicherlich ein einmaliges Weinerlebnis mitnehmen. Die Beerenauslese fiel mahagonibraun aus und besaß einen dünnen Wasserrand. Im Glas war der Wein klar. Die Nase war aber durchaus anstrengend. Ich roch hier den süßlichen Geruch eingelegter Zwiebeln, dann etwas feuchte Champignons und dann ein sehr pilziges Bukett. Am Gaumen wirkte die BA sahnig, besaß eine krasse Säure, die den Wein durchaus noch trinkbar erscheinen ließ. Insgesamt war der Wein für das Prädikat aber sehr schlank. Bedenkt man die Umstände der Entstehung, also den Krieg und die Ressourcenknappheit (Kupfer etc.), war dies trotzdem ein bemerkenswerter Wein. Man muss ihn einfach im Kontext der Entstehung betrachten.

 

1964er Eltviller Langenstück Riesling Auslese

  • Im linken Glas befand sich die 1964er Auslese aus dem Langenstück. Im Kontext des Abend war dies ein sehr guter aber durchschnittlicher Wein. Vollgoldfarben und klar im Glas, roch der Wein nach Karamell und echter Vanille. Eine gute Säure begleitete die schlanke Auslese, die insgesamt mittelkräftig ausfällt. Für sich betrachtet war auch dies eine sehr gute 1964er Auslese, die sicherlich einen Abend gut begleiten kann. 91 Punkte

 

1964er Rauenthaler Rothenberg Riesling Auslese

  • Dagegen performte die Rothenberg Auslese aus selbigem Jahr eine Spur besser. Ebenfalls klar im Glas, hatte man hier einen um eine Nuance dunkelfarbeneren Wein vor sich. Zuerst zeigte sich die Auslese von der vegetabilen Seite. Pastinake und weiße Champignons beschreiben das Bukett ganz gut. Dann finde ich noch etwas Schießpulver. Im Vergleich zur Eltviller Auslese hat die Rauenthaler mehr Kraft. Trotz der dunkleren Farbe wirkt der Wein lebendiger, besitzt noch deutlich Substanz. Außerdem gefällt mir hier die eisenhaltige Aromatik. 92+ Punkte

 

1969er Rauenthaler Gehrn Riesling Auslese

  • Mit der Rauenthaler Auslese neigten wir uns dem Ende der 60er Jahre zu. Bernsteinfarben und klar im Glas zeigt sich 1969. Die Nase gefällt mir hier sehr,  ist kräftig. Am Gaumen ist die Auslese noch süß, hat feine aber angenehme Bittertöne und wirkt daher nicht plump süßlich. Außerdem zeichnet diesen Riesling eine gute Länge aus. 93 Punkte

 

1971er Rauenthaler Rothenberg Riesling Auslese

  • In den 70ern angekommen, findet sich ab hier wieder eine deutlich modernere Stilistik. Die Weine haben einfach etwas mehr Kraft aber auch mehr Süße. Durch die Bank, wie ich finde. Eine bernsteinfarbene Auslese. In der reifen Nase rieche ich Orangenschale. Auch am Gaumen finde ich die hier wieder. Sie verspricht eine angenehme Bitterkeit. Eine sehr aromatische und spät ausklingende Auslese. Ein Langstreckenläufer. 92-93 Punkte

 

1976er Rauenthaler Rothenberg Riesling Auslese

  • Mit der 1971er Auslese musste sich diese fünf Jahre jüngere Auslese messen. Und sie gewann, wenn auch knapp. Hochfarben im Glas jedoch heller als die 1971er. Im Bukett fällt die Auslese fleischiger aus, riecht nach Lagerfeuer ohne verbrannte Aromatik zu besitzen. Am Gaumen kommt dann eine fast grünliche Aromatik zu Tage, die eher an 1975 erinnert als an 1976. Die Auslese gewinnt auch, da sie einfach eine Spur intensiver ist. 93-94 Punkte

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1976er Eltviller Sonnenberg Riesling Beerenauslese

  • Den Abschluss bildeten die beiden Beerenauslesen aus dem Eltviller Sonnenberg. Das war eine einprägsame und spannende Verkostung, denn hiermit wurde ausschließlich der Einfluss des Jahres verglichen. Die 1976er Beerenauslese hat ein dunkles mahagonibraun, ist klar im Glas. Ich rieche hier noch ganz leicht den typischen Klebstof-Ton, wie man ihn eig. vorwiegend in jugendlichen edelsüßen Weinen hat. Darauf folgt Schwarztee und gezuckerte bzw. kandierte Orangenschale. Die Beerenauslese ist noch sehr frisch, dicklich aber für eine Beerenauslese gar ein wenig kurz. Noch deutlich süß am Gaumen, kann ich die leicht verbrannte Aromatik nicht wegdenken. Damit wirkt die Beerenauslese ein bisschen anstrengend. 92 Punkte

 

1975er Eltviller Sonnenberg Riesling Beerenauslese

  • Das Duell macht das deutlich knackigere Jahr 1975. Die Beerenauslese ist etwas dunkelfarbener, doch nur um Nuancen. Ich rieche Karamell, keine verbrannte Aromatik. Der Wein duftet, wirkt frisch und gewinnt nochmals am Gaumen im Vergleich zur 1976er Beerenauslese. Ein mehr an Länge ist hier neben der attraktiveren Nase entscheidend für mich. Auch diese BA ist noch deutlich süß. Ich finde hier noch eine angenehme, kaffeeartige Note. Beide Beerenauslese wirken aber etwas anstrengend und unruhig. (95) Punkte

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Was bleibt nach so einer Verkostung hängen?

Am meisten beeindruckt hat mich die Tatsache, dass zumindest an diesem Abend die Weine aus den kleineren Jahrgängen jenen Klassikern das Wasser reichen konnten und stellenweise sogar überragten. Es waren nicht die Jahrgänge 1959 oder 1976, die hier ganz groß im Rampenlicht standen, wie man hätte vermuten können.

In der Tendenz empfand ich eine deutliche Teilung der Stilistik von Eltz zwischen den 60ern und den 70er Jahren. Während die 60er Rieslinge fester und wie aus einem Guss erschienen, kann man in den 70er Jahren doch einen deutlich moderneren Stil finden, wie man ihn bei vielen Weingütern heute hat. Die Weine aus diesem Jahrzehnt hatten mehr Kraft aber eben auch durch den hoheren Restzucker. Damit waren sie aus meiner Sicht ein wenig polierter, wenn auch oft komplexer.

So richtig auftrumpfen konnten die Auslesen von Schloss Eltz. Hier war am meisten Spannung im Glas, die mit einer Vielschichtigkeit einherging. Im Rahmen einer solchen Verkostung hatten es natürlich die einfacheren und leichteren Weine schwerer. Wie auch erwähnt wurde, gab es an diesem Abend so viele Weine, die für sich alleinstehend sicher viele Trinker glücklich gemacht hätten, im Kontext aber von noch komplexeren Rieslingen aus dem Haus verdrängt wurden. Viele Weine benötigten auch die Luft im Glas und Zeit, um sich zu entfalten. Solche Weine gehen gewöhnlich in derartig umfangreichen Proben unter. Insgesamt besticht das hohe Niveau über die Jahrzehnte bei Schloss Eltz. Es gab jene Weine, die auf dem Niveau vieler qualitätsbestrebter Weingüter der Mosel oder des Rheingaus waren und deutlich Konkurrenten aus der Zeit haben. Aber es gab auch jene Weine, die einfach einzigartig waren und den legendären Ruf des Eltviller Betriebs nachvollziehbar machten.

Ein Großteil der Weine war auch Zeugnis der damaligen Größe des Rheingaus. Riesling von solch kühler und doch in Stein gemeiselter Festigkeit findet man nur selten.

Das eigentliche Fazit des Abend war aber, dass nahezu alle Weine jetzt auf dem Zenit sind. Es gibt Weine, die werden einfach nicht besser und sollten in den kommenden Jahren getrunken werden, bevor sie verblassen. Auch manche 76er zeigten leichte Anzeichen des Austrocknens. Damit wurde klar, dass der Zahn der Zeit eben auch an den ganz großen Legenden nagt. Wer also das Glück hat, jene Flaschen im Keller zu haben und auf den richtigen Moment wartet: Er ist jetzt gekommen!

~ von budisfoodblog - April 10, 2014.

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