Auf den Spuren des Traubenadlers mit Dr. Daniel Deckers


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Vom 27.-28. April öffnete die Mainzer Weinbörse des VDPs wieder ihre Pforten. Wie jedes Jahr strömen hier Händler, Sommeliers und Journalisten aus diversen Ländern zum Event, um einen ersten Überblick auf den neuen Jahrgang zu bekommen. Im Gegensatz zur Prowein, wo die meisten Winzer lediglich mit Fassproben dienen können, kann man hier größtenteils die endgültig abgefüllten Weine verkosten.

Das Event an sich steht dabei fest im Terminkalender der Besucher. Ganz vergessen wird dabei, dass dieser Zustand noch gar nicht all zu lange währt.

Der VDP, der heute knapp über 200 Mitglieder zählt, wurde zwar bereits im Jahre 1910 als Verband Deutscher Naturweinversteigerer gegründet, hatte aber über die Jahrzehnte eine Entwicklung mit Hochs und Tiefs, die auch im geschichtlichen Zusammenhang der beiden Weltkriege stehen.

Dr. Daniel Deckers, Autor von „Im Zeichen des Traubenadlers“ und Journalist, kennt sich mit der geschichtlichen Entwicklung des Weinbaus in Deutschland aus, wie kaum ein anderer.

Auf der Weinbörse hielt er das Seminar „On the Eagles Trails“. Es widmete sich der Entwicklung des Traubenadlers. Dabei wurden ausgewählte Weine im Kontext ihrer Entstehung präsentiert.

Anbei meine Verkostungsnotizen:

1959 Steinberger Riesling Beerenauslese – Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach (Rheingau)

Zum Einstieg gab es diese Rheingauer Beerenauslese aus dem Spitzenjahrgang 1959, die wenige Jahre nach der ersten Weinversteigerung in Wiesbaden erzeugt wurde. Bernsteinfarben im Glas, dabei klar und glänzend. In der Nase ätherisch und sehr zart, finden sich hier jodige Noten, kandierte Orangen aber auch feine Kräuter in Richtung Dill. Am Gaumen wirkt die Beerenauslese nun gar nicht mehr dicklich. Eine nussige Aromatik (viel Walnuss) prägt den Riesling. Der Wein wirkt fast mild und ist sehr fein nuanciert. Ein klein wenig kurz fällt er im Glas aus. Mich fasziniert hier aber mehr die feine Nase. Auch das leere Glas riecht noch minutenlang fantastisch.

 

1989 Kaseler Nies’chen Spätlese – Reichsgraf von Kesselstatt (Mosel)

Wir sind nun Ende der 80er angekommen und der Verein Deutscher Naturweinversteigerer musste sich ob des 1971 eingeführten Weingesetzes welches die Weinqualität nach Oechslegraden definiert, in den VDP umbenennen. Der Verein beginnt zu dieser Zeit umzudenken, fordert seine Mitgleider auf, naturnah zu arbeiten. Eine Paradespätlese liefert hier die 1989er Spätlese von Reichsgraf von Kesselstatt. Goldgelb im Glas und klar, verführt die Spätlese mit einer leichten Rauchigkeit die vermutlich von etwas Botrytis herrührt. Am Gaumen überrascht der Riesling durch glasklare Aromatik und eine jugendliche Verspieltheit. Keine Botrytisaromatik, dafür spritzige Frucht die bis hin zu Cassis definiert werden kann. Eine filigrane und zeitlose Spätlese, die den komplexen und doch so leichtfüßigen Charakter einer ideal gereiften Spätlese gekonnt einfängt.

 

1993 Kaseler Nies’chen Spätlese – Reichsgraf von Kesselstatt (Mosel)

Zum Vergleich gab es aus dem etwas kleineren Jahr 1993 selbige Spätlese. Die verlor das Rennen mit der herrlich frischen 89er Spätlese. Sie wirkte etwas breiter ob der karamelligen Noten. Im Glas deutlich tieffarbener, wirkt die Aromatik hier kräftiger und der Wein fällt süßlicher aus. Brotkruste und Karamell kennzeichnen den Wein, der im Abgang eine leicht bittere Aromatik hat. Für sich eine kräftigere Spätlese, die schön gereift ist. Im Vergleich zum 1989er fällt der Wein aber ab.

2011 Schlossböckelheimer Kupfergrube Riesling Auslese – Gut Hermannsberg (Nahe)

Einen Zeitzeuge der Entwicklung bot der Vergleich dieser beiden Weine. Das Gut Hermannsberg fungierte früher als Staatliche Weinbaudomäne Niederhausen-Schlossböckelheim, wurde privatisiert und nochmals erneut 2010 von einem Investor übernommen. Seit 2010 ist der VDP-Betrieb als Gut Hermannsberg bekannt. Die blutjunge Auslese ist farblich noch bleichgelb. In der Nase zeigt sich eine leichte Radieschenschärfe, die nicht stört. Dazu kommt eine reife Fruchtigkeit. Am Gaumen noch süß, finde ich hier viel Grapefruit, etwas Aprikose und eine schöne Klarheit.

 

1989 Schlossböckelheimer Kupfergrube Riesling TBA – Staatl. Weinbaudomäne Niederhausen-Schlossböckelheim (Nahe)

Die Trockenbeerenauslese zeigt sich tief orange mit goldenen Reflexen. In der Nase noch deutlich von klebstoffigen Noten begleitet, wirkt die TBA auch am Gaumen noch nicht angekommen. Mitteldick und vorwiegend von honig-süßlicher Aromatik geprägt, verkosteten wir den Wein quasi in jugendlichem Stadium.

1967 Casteller Hohnart Silvaner – Fürstlich Castell’sches Domänenamt (Franken)

Nach dem Duo zog es uns nach Franken zurück ins Jahr 1967 als Rheingauer Rieslinge als großes Vorbild für deutschen Riesling galten und Weingüter wie Schloss Eltz erstklassige Weine erzeugten (siehe Artikel Schloss-Eltz Rheingauer Rieslinglegenden von 1917 bis 1976). Dieser Silvaner war auch damals schon ein einfacherer Wein aus einem durchschnittlichen Jahr. Somit überrascht es nicht, dass er nach 47 Jahren deutlich über dem Zenit ist. Er wurde nie für die Reife vinifiziert und war auch nicht dafür bestimmt. Goldgelb im Glas, erinnert mich der Wein in der Nase an Sonnenblumenöl, Mais und der reduktiven Aromatik einer frisch geöffneten Konserve. Hin zu kommt eine laktische Note und Fermentationsnoten. Am Gaumen zeigt sich der Silvaner bitter, sehr ölig aber zumindest kräftig. Ein Zeitzeuge der Geschichte aber kein Weingenuss mehr.

 

1989 Randersacker Sonnenstuhl Rieslaner Kabinett – Schmitts Kinder (Franken)

Das Rieslaner auch reifen kann, zeigt der Kabinett von Schmitts Kinder. Im Glas zwar etwas dunkler als der 1967er Silvaner, überrascht der Kabinett in der Nase mit leicht toastigen Noten. Am Gaumen finde ich etwas Pfirsich und wieder briochige Noten. Der Wein ist absolut trocken und würdig gereift. Er wirkt noch lebendig und nicht ausgezehrt. Etwas Restsüße hätte ihm heute gut gestanden. Ich kann mir vorstellen, dass der Wein vor 5-7 Jahren extrem harmonisch war.

 

1989 Riesling Auslese Weißgold – Schloss Vollrads (Rheingau)

Anschließend reisten wir zurück ins Rheingau zu Schloss Vollrads, wo seinerzeit Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau mit dem verschuldeten Besitz zu kämpfen hatte.  Ich habe zwar schon bessere Auslesen von Vollrads getrunken, doch auch hier zeigte sich eine gewisse Klasse im Glas. Farblich goldgelb, roch die Auslese nach Tee, Honigmelone und einer herben bis leicht vegetabilen Aromatik, die Richtung Wurzelgemüse ging. Vermutlich rührt dies von der frühen Lese her, da man Botrytis vermeiden wollte. Am Gaumen ist die Auslese nun trocken, ausgewogen und noch sehr frisch. Es finden sich keine extremen Reifenoten wie Schwarzbrot. 

2005 Iphöfer Julius-Echter-Berg Rieslangr Trockenbeerenauslese – Hans Wirsching (Franken)

Wir sind nun im neuen Jahrtausend angelangt. Die TBA von Hans Wirsching schlägt dabei ein wie eine Granate. Tief orange, deutliche Schlieren im Glas ziehend und von dicklicher Konsistenz. In der Nase noch leicht von Klebstoff geprägt, wobei diese Noten nicht vordergründig erscheinen und hinter Tannenhonig und gekochten Quitten anstehen, wirkt der Wein am Gaumen extrem seidig-sirupig und ergießt sich über diesen wie flüssiger Honig. Eine opulente, vollonzentrierte Aromatik, eine gut eingebundene Säure und mächtig Restzucker machen diesen Wein zum Langstreckenläufer. Prädikat: Einlagern.

 

2002 Hattenheimer Schützenhaus Riesling Spätlese – Hans Lang (Rheingau)

Im Rheingau überzeugt die strohgelbe Spätlese von Hans Lang. Eine typische, Rheingauer kühl-rauchige Nase und eine Ausgewogenheit kennzeichnen den Wein. Am Gaumen kommt etwas süßliche Vanillinaromatik zur Geltung, neben der sauberen Frucht. Der Wein wirkt fast noch floral. Trinkt sich jetzt gut, kann aber noch reifen.

 

2004 Kastanienbusch Riesling GG – Ökonomierat Rebholz (Pfalz)

Der 2004er Riesling Kastanienbusch von Rebholz aus der Pfalz läutete symbolisch die Phase der Großen Gewächse ein. Nach der restsüßen Spätlese hatte der Wein es natürlich recht schwer. Es bedurfte einiger Schlucke, bis man sich auf den trockenen Wein eingestellt hatte. Dann ergab das aber ein würdig gereiftes Großes Gewächs das am genau dafür steht, was es sein soll: Ein trockener Lagenwein, der reifen kann. Im Glas goldgelb, roch der Riesling etwas nach Mais und verkörperte eine rauchig-kalkige Nase die etwas ausgeprägter hätte ausfallen können. Am Gaumen hat der Wein kraft, wirkt herb und insgesamt doch schlank, da er auch nicht cremig ist.

 

2011 Scheurebe – Zimmerling (Sachsen)

Zum Ausklang gab es die spritzige Interpretation einer Scheurebe aus Sachsen vom Weingut Zimmerling.

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Insgesamt veranschaulichte Deckers mit dem Seminar zwei Dinge: Zum Einen stellte er klar, wie eng die Hochs und Tiefs des deutschen Weinbaus mit der geschichtlichen Entwicklung in Verbindung stehen. Angefangen mit dem vielen durch Roman Niewodniczanski bekannten Appell, dass deutsche Weine zu Beginn des 20. Jahrhunderts höhere Preise erzielten als mancher Bordeaux, widmete sich das Seminar weiteren bedeutenden Aspekten wie der Gründungs des Verbands, der sich gegen gezuckerte Weine auflehnte und den Naturweingedanken verfolgte, die großen Jahre der Versteigerungen, dem Stillstand während des zweiten Weltkrieges und Exportproblemen, der Umbenennung in den heute bekannten Verbandsnamen des VDP, die Übernahme durch Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau und dessen tragischer Selbstmord in den Weinbergen, bis hin zur neuen vierstufigen Qualitätspyramide.

Zum Anderen wurde damit auch klar, welch Höhenflug der Weinbau in den letzten Jahrzehnten genießt und wie engmaschig alljährlich an der Qualitätsverbesserung gefeilt wird. Egal ob man an manchen Entscheidungen zweifeln mag oder Qualitätspyramiden Lücken aufweisen. Die Aufarbeitung hat auch veranschaulicht, dass die Mitglieder des VDP ihren Weg finden werden. Dabei gibt und gab es Höhen wie Tiefen. Der Kurs ist dabei aber fest auf Höhenflug eingestellt und ich bin schon gespannt, wie wir in einigen Jahren auf die Entscheidungen zurückblicken werden, die aktuell so heiß diskutiert werden.

~ von budisfoodblog - April 29, 2014.

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